Crazy Quilts: Gestern, heute und morgen

Antique Crazy Quilt

Für alle, die an geometrische und blockbasierte Quilts gewöhnt sind, wird der erste Anblick eines Crazy Quilts eine große Überraschung oder sogar ein Schock sein.  Die sehr aufwändigen Verzierungen und "verrückten" Formen, die an die Arbeit eines betrunkenen Fliesenlegers erinnern, passen weder in das Konzept der blockbasierten Quilts noch in das der Freiform-Quilts, die Quilter heutzutage nähen. 

Und dennoch gibt es zwischen der Zeit, in der Crazy Quilts der letzte Schrei waren, und unserer heutigen Zeit einige Parallelen.  Die Menschen damals erlebten enorme Veränderungen sowohl in ihrer Gesellschaft als auch in der technologischen Entwicklung.  Ihre Leben veränderten sich vor ihren Augen und das sehr viel schneller, als das die meisten ihrer vorherigen Generationen erlebt hatten.

Es ist also nicht nur die Schönheit der Crazy Quilts, ihre komplizierten und überraschenden Muster und Motive und die Rolle, die sie in der Quilt-Geschichte allgemein spielen, die für uns der Anlass war, ihnen diesen "Fokus auf"-Artikel zu widmen. 

Der Artikel gliedert sich in drei Teile.  Der erste Teil ist eine kurze Einführung und soll die Frage "Was ist eigentlich genau ein Crazy Quilt?" beantworten.  Der zweite, ziemlich lange Teil gibt einen Überblick über die Geschichte von Crazy Quilts.  Der dritte Teil versucht einige Parallelen in unser Zeit zu ziehen und will Sie einladen, sich an einer leicht philosophisch angehauchten Diskussion über Quilts, das Quilten und Crazy Quilts zu beteiligen...  ;-)

Was ist ein Crazy Quilt?

Wenn Sie "Crazy Quilt" im Lexikon nachschlagen, finden Sie vielleicht so etwas Ähnliches wie diese Definition: "ein Quilt, der aus Stoffstücken unterschiedlicher Farbe, unregelmäßiger Form und Größe gemacht ist."

Detail Crazy Quilt

Uns gefällt diese Definition tatsächlich sehr gut, da es die Tür weit offen lässt für unterschiedliche Herangehensweisen an das "Crazy Quilting".  Sie umfasst die viktorianischen Crazy Quilts mit ihren fast exzessiven Stickereien, könnte aber auch für viele Freiform-Wandbehänge des 20. und 21. Jahrhunderts gelten, die sich zeitgenössischer Techniken für das Verbinden und Verzieren von Stoffen bedienen.  

Tatsächlich sind die meisten (viktorianischen) Crazy Quilts streng genommen nicht einmal Quilts , da sie selten gequiltet wurden.  Sehr oft hatten sie lediglich zwei Lagen und waren deshalb eher dekorativ als warm  und auch nicht wirklich praktisch. Crazy Quilts waren eher fragiler Natur, was an den vielen empfindlichen Materialien lag, wie z. B. kostbare, dunkle Seidenstoffe, Samt, Brokat, Satinstoff und Taffeta-Stoff - entweder neu gekauft oder aus der Flickenkiste der Quilterin entnommen.  Deshalb war es nicht so einfach, Crazy Quilts zu reinigen. Crazy Quilts erforderten außerdem viel Stoff, besonders für den Trägerstoff und die Rückseite. Helle Stoffe wurden nur selten verwendet. 

In dem Bild unten können Sie sehen, wie diese empfindlichen Materialien ca. 100 Jahre später aussehen können:

Cushion

Beim Nähen eines Crazy Quilts werden unregelmäßig geformte Stoffstücke aneinandergefügt, indem man sie auf einem Trägerstoff befestigt, der nachher als Block an andere Crazy-Blöcke genäht wird.  Die Blöcke waren auch oft unregelmäßig geformt und unterschiedlich groß. 

Typische Verzierung waren alle Arten von Stickereien, die oft mit einer großen Vielfalt an unterschiedlichen Stickgarnen ausgeführt wurden.  Die Stickstiche bedecken die Nähte zwischen den Stoffstücken, um die offenen Kanten zu verdecken. Es wurden jedoch durchaus auch die Stoffstücke selbst bestickt. 

Crazy Quilts enthalten oft eine reiche Symbolik. Die Sprache der Blumen, mit der die Menschen des viktorianischen Zeitalters sehr vertraut waren, wurde sehr häufig eingearbeitet. Tiere, Vögel und Kinder waren weitere bevorzugte Motive. Ebenso wurden gerne japanische Muster, wie beispielsweise Fächer, Kraniche und Pfauenfedern, verwendet.

Historischer Hintergrund

Die Geschichte der Crazy Quilts beschäftigt Quilt-HistorikerInnen bis heute. Wir haben die Entwicklung dieses besonderen Quilt-Typs ein bisschen recherchiert und werden im Folgenden versuchen, Ihnen eine kurze Zusammenfassung der verschiedenen Expertenstandpunkte wieder zu geben.  Wie so häufig in der Geschichte werden einige Details vielleicht nie zu Tage gefördert und manche Behauptungen und Vermutungen nie bewiesen werden. Manches mag für immer im Reich der Spekulation und Interpretation verbleiben. 

Umstrittene frühe Ursprünge

Die meisten Bücher über die Geschichte der Crazy Quilts springen gleich in die viktorianische Ära, als Quilts wie auf dem Foto oben der letzte Schrei waren.  Einige HistorikerInnen gehen jedoch weiter zurück in die Geschichte und weisen uns darauf hin, dass Crazy Patchwork wahrscheinlich schon existiert, seit dem Menschen Bekleidung benötigen.  Bekleidung, die irgendwann einmal repariert und geflickt werden musste. 

In der venezianischen Commedia dell'Arte treffen wir z. B. auf Harlekin, eine Figur, die ein vielfarbiges oder geflicktes Kostüm trägt.  Ähnliche Bekleidung wird für die Hofnarren an königlichen Höfen vermeldet, wobei die Flicken auf ihren Kostümen wahrscheinlich von den abgelegten Roben ihrer Herren stammten. Sogar heute kann man sich recht leicht vorstellen, dass ein Kleidungsstück, dessen abgewetzte Stellen und Löcher immer wieder geflickt wurden, einem Crazy Quilt recht ähnlich war.  

Obwohl wir relativ wenig über das Quilten in der Kolonialzeit in Nordamerika wissen, ist dennoch anzunehmen, dass jede teure Textilie, die aus England mitgebracht oder importiert worden war, so lange wie irgend möglich geflickt und repariert wurde.  Stellen Sie sich mal einen Quilt vor, der vielleicht mal als Wholecloth Quilt begonnen hat und dank Generationen von Flicken, die über durchgewetzte oder zerrissene Stellen genäht wurden, als Crazy Quilt endete! Obwohl es keine Beweise dafür gibt, dass solche Quilts existierten, ist es ein naheliegender Gedanke.

Dann, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, tauchten langsam Quilts mit unregelmäßigem Patchwork auf, die als "Crazy" bezeichnet wurden. Diese frühen Quilts im Crazy-Stil bestanden meist aus Baumwolle, waren nur einfach genäht und gequiltet und kaum bestickt. Die Oberfläche war meist aus Quadraten, Streifen oder anderen Abschnitten genäht, die von Blockeinfassungen, langen Streifen aus einfarbigen oder gemusterten Stoffen umrandet war. Warum das Interesse an diesen Quilts verschwand, ist nicht bekannt. Sie kamen aber vor Ausbruch des Bürgerkriegs 1861 aus der Mode.

Crazy Quilts als Auswuchs der viktorianischen Zeit

Crazy Quilts hatten am Ende des 19. Jahrhunderts ihre Blütezeit, in der Zeit die nach der englischen Königin Viktoria auch viktorianisches Zeitalter genannt wurde. Sie regierte von 1837 bis 1901. 

Königin Viktoria gab der Zeit nicht nur ihren Namen, sondern trug als jahrzehntelang trauernde Witwe auch zur allgemeinen Tendenz des nostalgischen Rückblicks auf die Vergangenheit bei. Gefangen zwischen puritanischer Beschränkung, nostalgischer Erinnerung und ungezügelten Gefühlen mussten die Menschen mit den Belastungen und Unsicherheiten einer Welt zurecht kommen, die sich aufgrund der Industriellen Revolution sehr schnell veränderte.

Während des viktorianischen Zeitalters trugen Frauen enge Mieder über Korsetten.  Riesige Reifröcke  umgaben sie.  Tornüren am Hintern mögen uns heute lächerlich erscheinen. Wer möchte schon seinen Hintern betonen und optisch vergrößern?! Dies war damals aber  "mega-in".  Bänder, Spitzen und Rüschen wurden überall verwendet. Auch zu Hause galt: "Mehr ist besser". Dies schlug sich z. B. in Königin Viktorias ausufernder Sammlung von Erinnerungsstücken nieder. Viele ihrer Untertaninnen eiferten ihr dabei nach.

Victorian Crazy Quilt Detail

Crazy Quilts scheinen eine fast natürliche und logische Ausformung dieser allgemeinen Gefühlswelt zu sein. Crazy Quilts verbanden opulente Farben, üppige Stoffe und hemmungslose Muster. Handarbeiten war eine der wenigen "akzeptablen" Beschäftigungen für die Frauen dieser Zeit.  Kulturelle Gemeinschaften entstanden, die stark von der "Royal School of Art Needlework" in England inspiriert wurden (frei übersetzt mit "Königliche Schule der künstlerischen Handarbeiten").  Eine Zeitschrift, "The Art Amateur", schrieb: "Es ist Mode, über Kunst zu sprechen, und sie auf eine modische Art und Weise auch zu praktizieren. Junge Damen nehmen Unterricht in Porzellanmalerei, Öl- oder Aquarellmalerei, anstatt ihre Vormittage am Klavier zu verbringen, oder befleißigen ihre geschickten Finger mit der Produktion von "künstlerischen Handarbeiten".

Contemporary Crazy   Detail eines zeitgenössischen Crazy Quilts (“Roter Garten” von Halina Judith Schmitz)

Der Ästhetizismus und Japan

Vor dem Hintergrund der viktorianischen Gefühlsduselei nennen HistorikerInnen sowohl den Ästhetizismus und japanische Handwerkskunst als zwei weitere Hauptquellen der Inspiration und des Einflusses für die Entwicklung der Crazy-Quilt-Welle, die über das Amerika des späten 19. Jahrhunderts hinwegrollte.  

Der sogenannte Ästhetizismus, eine Bewegung des Europa des 19. Jahrhunderts, betonte ästhetische Werte als vorrangig vor moralischen oder gesellschaftlichen Themen in der Literatur, der feinen Kunst, der dekorativen Künste und der Innenarchitektur.  "L'art pour l'art" war einer der prahlerischsten Slogans der Ästheten, die einen Schönheitskult entwickelten und dachten, dass das Leben die Kunst kopieren sollte.  Kunst sollte nicht lehren, sondern nur schön sein.  Die Natur wurde im Vergleich zur Kunst als roh und zu design-los gesehen.  Andeutungen wurden tatsächlichen Aussagen vorgezogen. Häufig wurden Symbole verwendet und unterschiedliche Kunstformen - Wörter, Farben, Musik - sollten synästhetische Effekte erzeugen. D. h. Literatur, die schönen Künste und die Musik sollten sich gegenseitig stimulieren und befruchten. 

Eine der prominentesten Figuren und sichtbarster Wortführer des Ästhetizismus war der irische Author Oscar Wilde, der heute am bekanntesten ist für Bühnenstücke wie “The Importance of Being Earnest” und dem Roman “Das Bildnis des Dorian Gray”. Oscar Wilde bereiste die Vereinigten Staaten in den Jahren 1882 und 1883, was für den Ästhetizismus in Amerika von immenser Wichtigkeit war.

Oscar Wilde   Oscar Wilde (Quelle: wikipedia.org)

Der Ästhetizismus und ganz besonders ästhetische Möbel und Raumausstattungen wurden stark von japanischem Design beeinflusst.  Nachdem der Handel mit Japan in den 1850er und 1860er Jahren gerade einmal aufgenommen worden war, war dies eine noch relativ neue Entwicklung im späten 19. Jahrhundert.  Ebonisierte Möbel, die aus Holz gefertigt wurden und denen mit Hilfe von Farbe oder Beize eine ebenholzartige Oberfläche gegeben wurde, wurden immer beliebter. Sehr oft wurden diese Möbel mit Vergoldungen in Gestalt von stilisierten Blumen, Vögeln, Gingko-Blättern oder Pfauenfedern verziert.  

Virginia Gunn, eine der bekanntesten Quilt-Historikerinnen, bemerkt in ihrem 1993 veröffentlichtem Essay "Crazy Memories" (Verrückte Erinnerungen), dass "Frauen, die an der künstlerischen Bewegung teilhaben und weiterhin Quilts machen wollten, aufgrund der Förderung von neuen Arten von bestickten Bettüberwürfen auf der einen Seite und der Zurückweisung von Patchwork-Decken aus Baumwolle auf der anderen Seite, neue Ausdrucksformen finden mussten.  Crazy Quilts und Konturenquilts (Anmerkung: Hier sind wahrscheinlich Red Work Quilts gemeint, d. h. Quilts mit meist in Rot nachgestickten Zeichnungen) entstanden als eine Art "basisdemokratische" Antwort auf die Moden des Ästhetizismus."

Die Leidenschaft für Crazy Quilts, die in diesem neuen ästhetischen Gefühl reflektiert wird, sah auf der anderen Seite sehr entschieden auf traditionelle Patchwork-Quilts herab. Virginia Gunn meint dazu: "Wir haben in unseren modernen Quilts die einst so beliebten, regelmäßigen und geometrischen Muster ziemlich abgelegt... Inzwischen sind wir sehr wagemutig.  Wir sind kühn und fahren fort, ohne überhaupt irgend einen erkennbaren Entwurf zu haben." 

Aber nicht nur über den Ästhetizismus wurden die Amerikaner von Japan und japanischem Design beeinflusst und inspiriert.  Auf der 1876 in Philidelphia abgehaltenen Weltausstellung  war der japanische Pavillon einer der beliebtesten. Dort erhielten amerikanische Frauen einen sehr unmittelbaren Zugang zu japanischem Handwerk und zu japanischen Bildwelten. Eine Sucht nach allem Japanischen entstand.

Geometrische Muster verschwanden aus den Quilts und die Arbeiten der Frauen begannen "den sich wandelnden Bildern eines Kaleidoskops oder der Schönheit und unendlichen Vielfalt orientalischer Mosaiken" zu ähneln. 

Wenn Sie versuchen, sich ein spontanes Bild vor Augen zu rufen, wie Sie von japanischem Design kennen, könnten Sie feststellen, dass Sie viele dieser Elemente auch in Crazy Quilts wiederfinden: asymmetrisches Design, stilisierte Blumen, Blätter und Tiere, ein Überfluss an Seide und Stickereien etc.

Blütezeit und Niedergang

Vor dem Hintergrund aller dieser Einflüsse und Inspirationsquellen hatten Crazy Quilts ihre Blütezeit in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts.  Ihr  Niedergang begann bereits in den späten 1880ern, aber Crazy Quilts hielten sich noch bis zu den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts und verschwanden dann fast völlig.  

Im Jahr 1884 schrieb die Redakteurin einer bekannten Frauenzeitschrift, dass "von allen 'Moden', die uns jemals ergriffen und förmlich verschlungen haben, gibt es keine, die sich bei den holden Damen unseres Landes so festgesetzt haben wie diese des Crazy Patchworks."

Jede Frau, die ihre Handarbeit ernst nahm, wollte so einen Beweis ihrer Meisterschaft mit der Nadel herzeigen können.  Als ein Auswuchs des Ästhetizismus war der Glaube weit verbreitet, dass es eine wichtige Pflicht aller Frauen war, jegliche Anstrengungen zu unternehmen, um das Heim ihrer Familie schöner zu gestalten, um ihr damit zu einem höheren und nobleren Ausblick auf das Leben zu verhelfen. Die hässliche Welt draußen sollte vom künstlerischen Hafen innerhalb des familiären Heims ausgesperrt werden.  Das demokratische Amerika glaubte, dass Schönheit kein Privileg der Reichen wäre, sondern in jedem Haus im ganzen Land ein Zuhause finden sollte.

Wenn Sie schon einmal eine Form von verschärftem Handsticken betrieben haben, wird es Sie nicht überraschen, dass eine passionierte Quilterin ungefähr 1.500 Stunden brauchte, um einen Crazy Quilt fertig zu stellen. Dies entspricht einer Stunde pro Tag über vier Jahre hinweg.  Die Frauen waren sehr stolz auf ihre Meisterwerke.  Glücklicherweise ermutigte sie dieser Stolz, die Quilts auch dann noch mit größter Sorgfalt zu bewahren, als sie nicht mehr in Mode waren. 

Viktorianische Crazy Quilts wurden hauptsächlich zum Herzeigen gemacht.  Sie sind normalerweise kleiner als Bett-Quilts und verzierten das Wohnzimmer, z. B. über einen Sofarücken geworfen oder auf dem Klavier drapiert.  Aber sie dienten auch als persönliches Sammelalbum.  So wurden wichtige Jahrestage (Geburtstage, Hochzeiten, Todestage), Initialen der Quilterin oder von Familienangehörigen auf die Stoffstücke gestickt. Auch Teile von Kleidungsstücken, Taschentücher, Krawatten oder Hutbänder wurden in die Quilts eingearbeitet. Gedenkbänder wurden auf den Quilts platziert und erinnerten die Bewunderer des Quilts so an das Engagement einer Familie bei Festen, Veteranentreffen oder politischen Kampagnen. Dadurch stellen Crazy Quilts für uns heute auch eine Geschichtsdokumentation aus Stoff dar.

Es ist keine große Überraschung, dass kommerzielle Hersteller schnell das geschäftliche Potenzial der Crazy-Quilt-Modewelle für sich entdeckten. Die Fertigstellung eines Crazy Quilts benötigt sehr viel Material und die Vorräte der Frauen an Seiden- und Samtresten, Spitzen und Bändern, Knöpfen etc. waren schnell aufgebraucht.  Die Hersteller begannen, Restepackungen anzubieten, die kleine Spitzen-, Bänder- und Seidenstücke und sogar bereits genähte und bestickte Beispielblöcke enthielten.

Crazy Quilting kann als einer der ersten Trends bei den Nadelarbeiten betrachtet werden, der tatsächlich von kommerziellen Interessen angefacht wurde.  

Durch die bessere Versorgung mit den Materialien wurde Crazy Quilting auch für Frauen ohne künstlerische und stickerische Fähigkeiten zugänglich. Sie waren daher nicht in der Lage einen Crazy Quilt als Kunstwerk nach dem damaligen zeitgenössischen Geschmack herzustellen.  Ab der Mitte der 1880er Jahre erschienen "Muster" von fragwürdigem künstlerischem Wert. Handarbeitsgeschäfte boten Dienstleistungen an, um die Frauen von den langweiligeren Tätigkeiten beim Nähen eines Crazy Quilts zu entlasten. Damit stellte ein Crazy Quilt aber auch kein exklusives und damit luxuriöses Kunstwerk mehr dar und wurde zu einem gewöhnlichen Stück Raumausstattung degradiert. 

So ist es nicht überraschend, dass die Meinung zu Crazy Quilts in den späten 80er Jahren des 19. Jahrhunderts langsam ins Negative kippte. Im Jahr 1887 wurde sogar empfohlen, Crazy Quilts von jurierten Wettbewerben komplett auszuschließen.  

Trotz der sich ändernden öffentlichen Meinung haben amerikanische Frauen weiterhin noch Crazy Quilts genäht.  In den 1890er Jahren wurden Crazy Quilts viel einfacher und weniger kompliziert, was sowohl den Gesamtentwurf als auch die Stickereien und die verwendeten Stoffe anbelangt. Damit einhergehend wurden sie auch praktischer und für den täglichen Gebrauch geeignet.  Der sogenannte "contained" (gezähmte) Crazy Quilt wurde wieder beliebt. Dies ist eine Kombination aus blockbasierten Entwürfen, deren Blöcke oder andere Design-Elemente mit Hilfe von Crazy-Techniken genäht wurden.

Während der Wirtschaftskrise in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, als die Einkommen und Vermögen nur so dahinschmolzen, kehrten die Frauen zu den Crazy Quilts zurück. Sie verwendeten alte Stoffreste und knüpften die Quilts (anstatt sie aufwändig zu quilten) zu warmen Bettdecken.  In einigen dieser Quilts wurden sogar Uniformen oder Anzugstoffmuster verwendet - sicherlich eher aus Notwendigkeit als aus künstlerischer Neigung.

Crazy Patchwork heute

Also warum nun diese ganze Aufregung über ein paar nette alte Quilts, die eine Anzahl an Stickstichen enthalten, die die meisten unter uns nicht in einem ganzen Leben auf Stoff bringen werden? Welche Bedeutung haben Crazy Quilts und Crazy Patchwork für QuilterInnen des 21. Jahrhunderts?

Heute kann Crazy Patchwork als eine von vielen verschiedenen Techniken und Designalternativen gesehen werden, die die zeitgenössische Quiltwelt zu bieten hat.  Es gibt auch wieder Quilterinnen, die sich Stunden um Stunden der Handstickerei hingeben, obwohl es uns moderne Nähmaschinen seit Jahren erlauben ausgefallene Maschinenstickstiche zu verwenden. 

Viele zeitgenössische Crazy Quilts werden vorwiegend aus "schicken" Stoffen genäht: Samt, Satin, Brokat und natürlich Seide.  Aber auch die vielen interessanten "neuen" Baumwollstoffe, wie z. B. Batikstoffe, haben die Crazy-Quilt-Bühne betreten. 

Contemporary Crazy   Detail eines Crazy-Quilt-Elements in einem zeitgenössischen Quilt (“Eiszeit” von Anita Hackl)

Modernen Techniken, die zur Verbindung der Stoffstücke mit verschmelzenden Materialen arbeiten, kann man auch eine gewisse Verwandtschaft zur zugrundeliegenden Idee, Stoffstücke wie zufällig auf einem Träger zu fixieren, sprechen.

Contemporary Crazy

Gedanken und Ideen, die von Crazy Quilts inspiriert wurden

Viktorianische Crazy Quilts reflektieren die künstlerischen Ideale und den häuslichen Lebensstil des späten 19. Jahrhunderts.  Ist das auch für die Quilts der Fall, die wir heute nähen? Reflektieren unsere Quilts zeitgenössische künstlerische Ideale und den zeitgenössischen Lebensstil? Sind wir uns unserer eigenen künstlerischen Ideale überhaupt bewusst? Mal ganz abgesehen von einem allgemeinen künstlerischen Ideal.

Crazy Quilts wurden während ihrer Blütezeit als Mittel gesehen, um die Kreativität der Quilterinnen freizulegen und galten als perfekter Ausgangspunkt für (künstlerische) Entdeckungsreisen.  Ein 1884 erschienenes Buch versprach, dass Crazy Quilts Quilterinnen noch auf Jahre faszinieren würden. Ist das richtig? Sind wir von antiken Crazy Quilts fasziniert? Bewundern wir nur die aufwändige Arbeit oder sehen wir sie als Kunstwerke? Werden unsere Quilts Faszination auf zukünftige Generationen ausüben?

Beim Nähen eines Quilts und ganz besonders beim Nähen eines Crazy Quilts konnte eine viktorianische Quilterin ein Gefühl von Zufriedenheit und von persönlicher Leistung erlangen.  Sie konnte angesammelte Reste aufbrauchen und gleichzeitig ein wenig Abwechslung von den sich immer wiederholenden, langweiligen und anstrengenden Aufgaben ihres Haushalts finden. Quiltzeit war "Traumzeit" - während der Arbeit an ihrem Quilt konnte die Quilterin von einer schöneren Zukunft träumen. Teilen wir diese Idee der "Traumzeit"? Ist Quilten heute "nur" ein Mittel, um einen schönen Bett- oder Wandquilt zu erhalten? Oder ist es eher der Prozess, einen Stich nach dem anderen in ein Stück Stoff zu setzen, das sich in unseren Händen langsam weiterentwickelt und verändert? Entwickeln sich unsere Gedanken, Hoffnungen und Träume genauso?

Crazy Mini   Miniature Crazy Quilt by Halina Judith Schmitz

Literaturverzeichnis

Aestheticism. Online verfügbar unter http://en.wikipedia.org/wiki/Aestheticism.

Brick, Cindy (2008): Crazy Quilts. History - Technique - Embroidery Motifs. Minneapolis, MN, USA: Voyageur Press.

Crazy Quilt Lush, Lavish, Victorian. Online verfügbar unter http://www.quilting-in-america.com/Crazy-Quilt.html.

Gunn, Virginia (1996): Quilts - Crazy Memories. In: Duke, Dennis; Harding, Deborah (Hg.): Quilts. Köln: Könemann Verlagsgesellschaft mbH, S. 150–171.

Kiracofe, Roderick (1993): The American Quilt. A History of Cloth and Comfort 1750 - 1950. Unter Mitarbeit von Mary Elizabeth Johnson. New York: Clarkson Potter.

Montano, Judith (1986): The Crazy Quilt Handbook. Lafayette, CA: C&T Publishing, Inc.

Schmitz, Halina (2010): Geschichte der Crazy Quilts. Unveröffentlichtes Manuskript, 2010.